the fourth wave

Die vierte Welle

Kurzgeschichte

Die vierte Welle

Ein Stamm der menschlichen Zivilisation, die Procyoniten, begibt sich auf eine Reise, um ein neues Sternsystem zu besiedeln, und steht dabei vor den Herausforderungen der Raumfahrt und der sozialen Entwicklung. Die Galaxie erschließen. Den Weg für 15.000 weitere Wellen ebnen.

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🇬🇧 English version

Es kam am Morgen auf allen Nachrichtenkanälen. Die Schiffe standen bereit, ein aufregender Zeitpunkt für die Kolonie, die seit ihrem Bestehen, seit nunmehr 823 Jahren auf dieses Ereignis hinarbeitete.

Der 14-jährige Mijk sass vor seinem Frühstück, als die Nachricht über die Schiffe auf den Linsen erschien. Er stand oft früh auf, um vor seinen drei Schwestern ins Bad und an den Essensmodellierer zu kommen. In der Großfamilie wurde oft gekocht. Seine Mutter Magret und einige andere aus der WG hatten eine Leidenschaft dafür entwickelt. Und so kam der Modellierer relativ selten zum Einsatz, höchstens für einige ihrer Zutaten. Morgens, für das Frühstück benutzte ihn aber jeder.

Mijk hörte der Nachricht aufmerksam zu und rief danach einige Zusatzinformationen ab. Er war total begeistert von dem Raumschiffprojekt. Seit er denken konnte, war der Baufortschritt immer wieder Thema in den Nachrichten. Doch er hatte alle verfügbaren Zusatzinformationen dazu im Kopf, von den geplanten Bauplänen über die Navigationsmethoden auf der Brücke bis hin zur Antriebstechnik sog er alles in sich auf.

Sichtlich erfreut ass er sein Müsli, während seine Schwestern nach und nach eintrudelten. Gena, die nur ein Jahr älter als er war, kam als letztes aus ihrer Koje. Sie war eine Langschläferin. Seine beiden anderen Schwestern waren schon zwanzig. Zwillinge, die immer und überall ihre Köpfe zusammensteckten. Mijk fand sie anstrengend.

“Zeit zu gehen”, schrie seine Mutter aus dem Nebenraum und kam danach durch die Tür geeilt. Die Schule wartet.

Mijk machte sich mit Gena auf den Weg. Sie bewegten durch fünf Korridore und vier Parzellen, bis sie an ihrer Schule ankamen. Meistens, wie heute, nahmen sie dafür die Pendler. Das sind kleine selbstfahrende Plattformen, auf die man sich stellen konnte. In einem ausgeklügelten System fuhren sie dann alle Ziele der aktuellen Fahrgäste an. Der Schulweg dauerte so nur einige Minuten. Zu Fuß brauchen sie manchmal eine halbe Stunde.

Jeden zweiten Tag durften sie ohnehin von zu Hause aus am Unterricht teilnehmen. Die Kolonie hat nicht so genug Platz für alle Schüler. Mijk, der ein Musterschüler war, verstand eh nicht, weshalb seine Mutter und die anderen in der WG den Live-Unterricht für so wichtig hielten. Meistens kapierte er alles auf Anhieb und brauchte niemanden zum Nachfragen.

Heute wollten sie aber so früh wie möglich an der Schule sein. Die Schiffe waren das Thema schlechthin vor dem Unterricht. Alle redeten darüber. Mijk, der große Experte, wusste am meisten und wurde regelrecht von den anderen ausgequetscht.

“Bitte begebt Euch alle in den großen Pausenraum”, hörte man eine Stimme durch den Raum klingen. Es war eine Durchsage über die Lautsprecher von Professor Greger, dem aktuellen Schulleiter. “Heute fällt die erste Unterrichtsstunde aus. Dafür habe ich Euch etwas Wichtiges mitzuteilen”.

Normalerweise wurden alle Informationen über Kurznachrichten auf seine Linsen gespielt. Er konnte sich nicht einmal erinnern, jemals eine Durchsage aus diesen Lautsprechern gehört zu haben. Viele wussten nicht einmal, wofür die Gitter an den Decken zu gebrauchen waren. Nach der Durchsage herrschte dementsprechend für mehrere Sekunden betretenes Schweigen. Danach begann das Murmeln wieder und wurde immer lauter. Bis der Alarm auf seinen Linsen auftauchte, dass der Unterricht bald begann.

“823 Jahre”, begann Greger, der Schulleiter pathetisch. “Genau heute vor 823 Jahren landeten die Siedler der dritten Welle, unsere Vorfahren hier in diesem Sonnensystem. Nur 12.000 Menschen kamen damals hier an”.

Mijk langweilte sich jetzt schon. Greger holte mal wieder weit aus. Dass er so weit zurückgehen würde, ging ihm zu weit. Da hätte Greger ja gleich vom Startschuss, dem Beginn der Vorbereitungen der allerersten Welle berichten können. Das alles hatten sie schon zig mal im Unterricht durchgenommen.

“Inzwischen”, fuhr Greger fort, “sind wir hier im Prokyon-System über 2,3 Millionen. Hier auf Racoon, in Eurer Nachbarschaft leben alleine 800.000. Doch damals konnte das keiner ahnen. Unsere Vorfahren hatten viele Entbehrungen hinnehmen müssen. Sie fanden leider keinen bewohnbaren Planeten hier rund um unseren Stern vor und so suchten sie sich zwei kleine, geschützte Gegenden auf den passabelsten Gesteinsbrocken, die sie fanden und begannen alles von Null aufzubauen.

Heute, ihr habt die Nachrichten sicher alle schon selbst gehört, ist es Zeit für eine neue Mission, die genau wie damals ins Ungewisse führt. Unsere Polis hat die Lehrerschaft daher gebeten, folgendes unbedingt mündlich an alle Schüler weiterzugeben. Für fragen stehe ich und Eure anderen Lehrer selbstverständlich jederzeit zur Verfügung.”

Wieder brannte ein kollektives Gemurmel auf, das der Schulleiter mit einer Handgeste im Keim erstickte.

“Die Polis von Racoon und Loton”, las Greger vor, “haben einstimmig beschlossen, dass unsere gemeinsame Mission in die nächste Phase eintreten sollte. Die Schiffe stehen bereit. Jetzt ist es an der Zeit, die neuen Ziele im Detail zu planen und genau wie unsere Vorfahren 15.000 Pioniere auszuwählen, um in eine neue Welt aufzubrechen.

Genau heute in 6 Jahren werden die beiden Schiffe starten und für lange Zeit im All unterwegs sein, bis ihre Passagiere die ersten sind, die ihren Fuß auf neues Land setzen dürfen.

Um dieser Pioniergeneration nach einem langen Flug beste Startchancen bieten zu können, ist es notwendig, möglichst junge Leute auszuwählen und perfekt auf diese außergewöhnliche Situation vorzubereiten.

Im Schiff werden daher vor allem die Generation der heute 12- bis 18-jährigen ihren Platz finden.

Ob ihr, liebe Schüler, dabei sein werdet, erfahrt ihr noch am heutigen Tage. Wir werden schon bald Einladungen an 10.000 Jugendliche versenden.”

Mijk kannte die Mission fast auswendig. Er wusste auch, dass sie jüngere rekrutieren würden, aber er hätte nicht gedacht, dass seine Altersgruppe beteiligt sein sollte. Und gab man ihm Zahlen in der Hand, mit denen er spekulieren konnte, sein Lieblingsspielzeug.

Zehntausend Jugendliche. Das musste in etwa jeder Zehnte in seiner Altersgruppe sein. Die Schiffe boten jeweils 8.000 Menschen problemlos Platz. Für 5.000 stünde daher mehr als genug Freiraum zur Verfügung, aber sicher benötigten sie einige Tausend Spezialisten, um den Flug absolvieren zu können und die Jugendlichen weiter auszubilden.

Auf dem Schulhof spekulierte man den ganzen Tag über alles Mögliche. Mit regulärem Unterricht war nach der Ankündigung nicht mehr zu rechnen.

Am Abend sass die ganze Wohngemeinschaft beim Essen. In ihrem Haus lebten neben seiner direkten Familie zwei weitere Frauen und zwei Männer im Alter seiner Mutter mit ihren Kindern. Auch die älteren Generationen waren in dem Mehrgenerationenhaushalt vertreten, wie es auf Racoon schon seit Jahrhunderten üblich war. Heute sassen sage und schreibe vierzehn Personen am Esstisch.

Plötzlich während des Essens erschien eine Nachricht auf der Linse. Fast zeitgleich sprangen er und seine Schwester Gena von ihren Stühlen auf und stießen einen Jubelschrei aus.

“Ich bin dabei”, schrien sie, sodass sich Henka, Mijks Großmutter fast verschluckte. Unglücklicherweise sass sie genau zwischen den beiden.

Danach mussten sie der versammelten Runde erst einmal genau Bericht erstatten. Ihre Mutter hatten sie es schon kurz nach der Schule erzählt und einige Berichte kamen auch über die Linsen rein. Dennoch wollte jeder genau wissen, was los war.

“Hier steht”, begann Mijk, “dass wir ab nächster Woche eine andere Schule besuchen dürfen. Vieles können wir wohl wieder von zuhause aus lernen, aber wir haben für alles direkte Ansprechpartner, Lehrer und Ausbilder, die nur für uns da sind. Falls wir wollen, schreiben sie. Was für eine Frage. Natürlich wollen wir, oder Gena?”

Obwohl die Familien groß und die einzelnen Bindungen weniger eng sind, als auf der alten Erde, konnte man Magret, Mijks Mutter die Enttäuschung ein wenig im Gesicht ansehen. Sie würde beide Kinder verlieren. Es dauerte zwar noch sechs Jahre dauern, aber dann wären sie weg.

“Hallo Mijk”, sagte der Mann über die Linsen, “ich bin Gowen, Dein Ausbilder”.

“Guten Tag”, antwortete Mijk, der nicht so ganz verstand.

“Jeder der Zehntausend hat einen persönlichen Ausbilder zugeteilt bekommen”, erklärte der Mann weiter. Er war großgewachsen und dunkelhäutig. Er sah fast zu perfekt aus. Sein Alter konnte man kaum schätzen.

“Nein, nein”, schien Gowen Mijks Gedanken zu lesen. “Ich bin kein Neuro, das haben schon viele zu mir gesagt. Ich bin das gewohnt. Nein, ich bin ein normaler Mensch und in ca. 5 Minuten bei Dir. Ich möchte Dir etwas zeigen.”

Mijk stand schon einmal hier an der Stelle, an der die dritte Welle gelandet ist, hier auf Loton. Aber diesmal erzählte Gowen ihm eine etwas andere Geschichte.

Die erste Welle ging auf eine Idee zurück, die sich ein Mann namens Marc van der Venden, damals Präsident der Vereinten Nationen, im 23. Jahrhundert nach Erdzeit ausdachte. Es war das erste Programm, das über die Lebenszeit seiner eigenen Generation hinausging, bemerkenswert. Immerhin würde es sein Ziel erst nach ganzen 500.000 Menschengenerationen erreichen. Doch daran glaubte zu diesem Zeitpunkt wie zu Mijks Zeit niemand.

Es ging ihm um den Aufbruch in die Milchstraße, die Erkundung und Besiedelung jedes einzelnen lebenswerten Planeten. Er plante das alles in langjähriger Arbeit mit einem Team von Physikern, Ingenieuren, Soziologen und Politologen mit umfangreichen, aber simplen, realistischen Mitteln. Würde irgendeine neue Technologie ihren Weg beschleunigen, umso besser. Würden irgendwelche Hindernisse, ob persönlich oder kataklystisch, ihre Mission verhindern, so hätten sie es zumindest versucht.

Und so bauten sie ihr erstes Generationen-Schiff. Die Ressourcen und Rahmenbedingungen dafuer waren nicht immer gleich gut und so brauchten sie 700 Jahre dafuer, 300 weniger, als van der Venden einer jeden Welle zugestand.

Das erste Schiff brach nach Alpha Centauri auf, als das Sonnensystem bereits fuenf Menschenkolonien aufwies. Neben der Erde besiedelten sie den Mars, den Mond, Titan und das ewige Eis des Jupitermondes Europa.

Nach erneuten 1.200 Jahren schaffte es die zweite Welle, während die Erde selbst schon ein weiteres Planetensystem erobert hatte. In den folgenden Jahrhunderten waren die Kolonien genauso wenig untätig wir die Menschen hier auf Prokyon. Vor nur ca. 60 Jahren kam die Information über die Raumkanäle, dass der 14. Stern erfolgreich besiedelt werden kann.

Inzwischen beträgt der Durchmesser des menschlichen Dunstkreises fast 20 Lichtjahre. Alle Kolonien tauschen permanent Daten aus, allerdings gehorcht alles der Physik und es dauert auch 20 Jahre, bis wichtige Informationen in den anderen Systemen ankommen.

Da Prokyon ca. 12 Lichtjahre von der Erde entfernt liegt, hinkt die Information, die die Bevölkerung von Racoon und Loton erhält, entsprechend lange hinterher. “In manchen Gegenden auf der alten Erde dauert es heute noch länger, bis der Fortschritt dort ankommt”, feixte Gowen, als er es Mijk erklärte.

“Doch auch wir selbst hier auf Racoon”, fuhr Gowen stolz fort, “haben eigene technische Errungenschaften und Entdeckungen gemacht, die die anderen Kolonien von uns übernommen haben. Unsere Modellierer können vollkommen selbständig und bei jeder beliebigen Gravitation, sogar in Schwerelosigkeit, bewohnbare Strukturen in kürzester Zeit bauen.

Da wir hier keinen Planeten mit Atmosphäre haben, wie die meisten anderen, mussten wir uns eben auf Kuppeln, Plattformen und Korridore spezialisieren, in den Fels buddeln und mächtige Schutzschilde gegen Meteoritenregen entwickeln.”

Racoon ist wie Loton nicht sonderlich groß und ihre Anziehungskraft ist eher schwach. Mijk wiegt hier nur halbsoviel, wie er auf der alten Erde wiegen würde. Und später während der Beschleunigungsphase des Flugs herrschen genau diese Kraftverhältnisse. Daher müssen alle Pioniere ständig hart trainieren, um ihre Muskeln entsprechend aufzubauen.

“Auch wenn wir inzwischen jede Art von Technologie besitzen”, dozierte Gowen weiter, “um selbst in den lebensfeindlichsten Welten zu bestehen, so heißt das nicht, dass das Leben dort einfach ist. In den Planetensystemen der Vereinten Nationen, in denen bewohnbare Planeten mit Atmosphäre gefunden wurden, leben inzwischen 20 mal mehr Menschen, als in den künstlichen Habitaten.”

Es war eine Freude, sich mit Gowen zu unterhalten. Es fühlte sich für Mijk zu keiner Zeit wie Unterricht an. Er sog alles Technische in sich auf und auch die sozialen Themen, wie wuerde man zusammenleben, welche Staatsform ist sinnvoll, interessierten ihn brennend.

Manchmal legten er und seine Schwester Gena den Unterricht zusammen. Immer dann merkte er, dass jeder der 10.000 Pioniere ein individuelles und exakt auf Interessen und Bedarf abgestimmtes Lehrprogramm erhält.

Schon lange im Vorfeld, weit bevor die Schiffe fertiggestellt waren, hatten viele Experten diskutiert, welches denn der perfekte Stern sei. Was wird das Ziel der Reise sein? Welches Planetensystem sollte die Menschheit als Nächstes erobern?

“Die Auswahl fiel uns leicht”, begann Gowen mit seiner Beschreibung für ihre neue Heimat. “Luytens Stern ist zwar nicht so mächtig und groß, wie Prokyon, eigentlich ist es sogar ein roter Zwerg, eine der kleinsten Sternklassen, die es gibt. Aber dafuer ist das System angenehm ruhig. Der Stern ist stabil, stößt wenig Eruptionen aus und verbreitet ein schönes warmes Licht.

Außerdem ist er nur 1,2 Lichtjahre entfernt. Das heißt, Eure Reise ist viel kürzer, als die der Pioniere, die vor 800 Jahren hier ankamen. Ihr seid nur 12 Jahre unterwegs.”

“Luytens Stern hat sogar Planeten mit Atmosphäre”, antwortete Mijk übereifrig.

“Ja, Mijk. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ihr irgendwann auf die Glaskuppeln verzichten könnt und im Freien auf den Planeten herumspaziert. Sicher noch nicht Deine Generation der Pioniere, aber Deine Kinder oder Enkel. Sie werden es gemütlich haben.”

Das Jahr des Starts der beiden Generationenschiffe war für die Prokyonen etwas besonderes. Viele Festivals und Feiern streuten sich zwischen die zahlreichen Vorbereitungen und Trainingseinheiten, die sie auf die große Reise einstimmen sollten.

Immer öfter waren Mijk und Gena im Raum unterwegs. In kleinen Gleitern wurde sie zum Weltraumbahnhof gebracht, von wo aus sie Erkundungsflüge ins Sonnensystem von Prokyon und seinem etwas dunkleren Begleiter unternahmen. Sie sollten sich vor allem auf die Umstände während des langen Fluges vorbereiten, lernten aber auch, neue Habitate auf passenden Gesteinsplaneten zu planen und aufzubauen.

Jetzt waren es nur noch zwoelf Tage bis zum Start. Es war Mijks 19. Geburtstag. Welch ein Zufall, denn für heute war seine Umsiedlung auf das Schiff angesetzt. Jeder der Pioniere bekam einen anderen Termin zugeteilt, sodass nicht allzu viel Verkehr und logistisches Chaos rund um den Weltraumbahnhof und innerhalb des Schiffes entstünde.

Die Organisatoren machten für Mijk eine Ausnahme und liessen die gesamte Familie für heute mit aufs Schiff kommen. Die ganze WG plante schon seit einigen Tagen eine kombinierte Verabschiedungs- und Geburtstagsparty. Es wurde ein herzlicher Abend, der mit einem Abschied für immer enden musste. Mijk fand das bei Weitem nicht so bedrückend wie seine Mutter und erstaunlicherweise seine beiden älteren Schwestern.

Schließlich konnte man ja für lange Zeit in direktem Kontakt bleiben und sogar später noch voneinander hören, zwar mit einjähriger Verspätung, aber. Für Mijk wurde es ohnehin Zeit, sich von seiner Familie abzukoppeln und auf eigenen Füßen zu stehen. Auch darauf wurde er sechs Jahre lang vorbereitet.

Hinzu kam, dass es sich für Mijk gar nicht wie ein Abschied anfühlte. Sie luden ihre neuen Nachbarn, die Bewohner der angrenzenden Habitate auf dem Schiff, mit ein. Einige kannte er schon von der Ausbildung, mit anderen kam er an diesem Abend schnell in Kontakt. Kunststück, als Geburtstagskind und Mittelpunkt der Feier. Teilweise wurde es ihm fast schon zu viel. Dabei schwang aber auch etwas Aufregung vor dem Start mit.

Am nächsten Tag, als alle Gäste wieder nach Racoon zurückgeflogen wurde, war er froh, die ersten paar Minuten alleine in seinem Habitat zu verbringen und die Ruhe zu genießen.

“Du und Deine neue Kolonie”, begann Gowen seine letzte Lektion. “Ja, es ist Deine Kolonie, Mijk. Du wirst einer der Gründerväter sein und ich beneide Dich um diese Aufgabe. Ich bin aber zumindest froh, einen kleinen Teil dazu beigetragen zu haben.”

“Gowen”, entgegnete Mijk, “Du hast mir alles beigebracht, was ich wissen muss. Du hast einen außerordentlichen Anteil an all dem hier. Und jetzt wirst Du sicher berufen, um an der nächsten Schiffsgeneration zu arbeiten. Du bist einer der wichtigsten Procyonen, wenn Du mich fragst. Und ein guter Freund.”

“Ich bin gerührt”, antwortete Gowen. “Aber was ich Dir eigentlich sagen möchte … Du und Deine Kolonie, Du wirst einen wesentlichen Anteil daran haben, wie sie einmal funktionieren wird, was in Euren ersten tausend Jahren passiert, ob ihr alles übersteht und wie krisenfest ihr sein werdet. Du kennst ja die Geschichte von Sirius, der gescheiterten Mission, die sich in einem brutalen Krieg selbst zerstörte.

Wenn ich einen Wunsch hätte, dann dass Ihr eine friedliche, prosperierende Welt erschafft, in die meine Enkel und Urenkel eines Tages nachziehen können.

Van der Venden, der vor über 2.800 Jahren die Idee der Eroberung der Milchstraße in die Köpfe der Menschheit verpflanzte, tat dies auf die einzig richtige Art, nämlich so, dass sie Kriege, Diktaturen und Machthunger überstehen würde.

Heute gibt es 14 Sternkolonien der Menschheit. Kein Diktator oder Despot kann mehr die gesamte Macht über alle Menschen an sich reißen. Die Entfernungen sind dafuer zu groß, was die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschheit ihre Krisen überlebt, deutlich steigert.

Wie widrig die Bedingungen sein mögen oder umgekehrt wie schön und lebenswert eure Welt sein mag, es gibt nur ein grosses Ziel. Haltet Euch daran und baut ein Schiff, mit dem ihr Pioniere auf Reisen schickt, um die nächste Welt zu entdecken. Ihr seid die vierte Welle. Es müssen aber noch 500.000 weitere folgen, um die gesamte Mission zu erfüllen.”

Dann brach der Tag des Starts an. Mijk war total aufgeregt, obwohl er absolut nichts zu tun hatte, außer seinen speziellen Sitz im Startraum, der die großen g-Kräfte beim Aufbruch etwas erträglicher machte, ungefahr 12 mal zu überprüfen.

Gena hatte den Sitz direkt neben ihm, doch sie tauchte erst gegen 12 Uhr mittags auf. Sie besaß die Nerven selbst an diesem Tag auszuschlafen, bis es nicht mehr ging. Beneidenswert, dachte Mijk.

10.000 Jugendliche unter einen Hut zu bekommen und einer gemeinsamen Mission zu unterstellen war eine Mammutaufgabe. Und selbstverständlich war die Teilnahme freiwillig. Innerhalb der 6 vergangenen Jahre sprangen daher über 3.000 Pioniere ab oder wurden aussortiert. Man versuchte das, durch Nachnominierungen wieder halbwegs auszugleichen. Hinzu kamen über 4.000 Fachleute von Professoren über Navigatoren bis hin zu Entertainern, die für den Flug und den späteren Aufbau der neuen Gesellschaft unentbehrlich waren. Am meisten profitierten die Pioniere aber von den Neuros, den Künstlichen Intelligenzen, die fast alle hochkomplizierten Systeme für Flug, Lebenserhaltung und Service unter Kontrolle hatten.

Am Ende hatte das Generationenschiff 12.880 Insassen. Und alle, einschließlich der Piloten sassen 20 Minuten vor dem Start, angeschnallt in ihren g-Sitzen, die Blutdruck und Sauerstoffzufuhr regelten. Alle warteten. Die Neuros arbeiteten mit Hochdruck an den letzten Startvorbereitungen.

An die Überwachungssysteme angeschlossen zu sein, war er inzwischen gewohnt. Sie haben im vergangenen Jahr insgesamt acht Testflüge durchgeführt und dabei jedes Mal die Maximalbeschleunigung von 8 R, dem achtfachen seines Gewichts auf Racoon getestet. Über 400 kg lasteten in dem Moment auf dem Körper. Jetzt stand ihm das abermals bevor. Der Hauptunterschied ist die Dauer. Unterbrochen durch zwei kleine Pausen alle vier Stunden, mussten sie diese Belastung für die nächsten zwoelf Stunden durchhalten.

Zunächst würden sie aber durch eine Phase der Schwerelosigkeit gehen. Die Rotoren, in denen sie sassen, die im Moment die Gravitation erzeugten, wurden nun abgeschaltet. Er bemerkte, wie er immer leichter wurde. Ein flaues Gefühl im Magen kündigte es ihm an.

“Eine Minute bis zur Abkopplung”, meldete der Neuro über die Lautsprecher. Ihre Linsen mussten sie für die Startphase herausnehmen. So waren Durchsagen und Monitore ihr einzig verbliebenes Kommunikationswerkzeug.

Dann zündeten die Hauptbooster und brachten das Schiff zum Vibrieren. Gleichzeitig, inzwischen völlig schwerelos, bemerkte Mijk einen Ruck zusammen mit einem hallenden Grollen. Sie waren abgekoppelt. Ihre Reise begann.

Sekunden später bliesen die Manöwrierdüsen durch und brachten einen Teil der Gravitation in seinen Körper zurück. Sein Magen spuerte jede Veränderung und quittierte sie mit einer leichten Übelkeit.

Das Schiff trieb einige hundert Meter entfernt vom Weltraumbahnhof im All. Langsam sahen sie durch die Monitore, wie die Station immer kleiner wurde.

Nach fuenf langen Minuten, in denen die beiden riesigen Schiffe sich passend zueinander ausrichteten, zündeten die gigantischen Booster und die Pioniere wurden in ihre G-Sitze gedrückt, als würde man einen riesigen Betonblock auf sie werfen.

Die Ebbighausen, Mijks Schiff, schoss parallel zur Luyten, dem Schwesterschiff aus ihrem Sonnensystem. Die erste Beschleunigungsphase war entscheidend, denn sie erlaubte alle drei Antriebssysteme in Kombination zu nutzen, um auf ihre Reisegeschwindigkeit von zehn Prozent der Lichtgeschwindigkeit zu gelangen. Sowohl Sonnenwind, als auch Lasersegel und nicht zuletzt der mächtige Ionenbooster kamen zum Einsatz.

Nur wenn Mijk genau hinsah und mühsam unter dieser Schwerkraft die Kamera aus einem der drei kleineren Begleitschiffe auf den Monitor legte, erkannte er die riesigen Sonnensegel, die sich wie ein Regenschirm über die langen Habitatzylinder legte.

T plus 12 Stunden. “Geschafft”, schrie Gena als erstes in ihrem Bereich auf. “Die Booster werden zurückgefahren.”

Sekunde für Sekunde bemerkten sie, wie mehr und mehr Last von ihren Schultern genommen wurde. Fortan galt es, sich an das was übrig blieb zu gewöhnen. An die verbleibende Beschleunigung, die doppelt so hoch war, wie auf Racoon, mussten sie sich aber längerfristig anpassen. Mijk erinnerte sich, dass auf dem Flug ähnliche Kräfte herrschten wie auf der alten Erde, wenn man Gowen glaubte. Es muss sehr anstrengen dort gewesen sein, dachte er.

Dennoch konnten sie sich ab jetzt abschnallen und normal bewegen. Anfangs etwas holprig und schleppend, kamen sie aber sehr schnell damit zurecht.

Nach dem ersten Tag kamen sie auf eine Reisegeschwindigkeit von 1.200 km / s. Von nun an sollten jeden Tag rund 500 km / s hinzukommen bis sie ihre Reisegeschwindigkeit von ca. 30.000 km/s erreichten.

Sechs Monate in erhöhter Schwerkraft, Mijk hatte sich schnell daran gewöhnt und entsprechend Muskeln aufgebaut. Dennoch sehnte er sich ab und zu nach etwas weniger Gegenwehr bei jeder einzelnen Bewegung.

Heute war es so weit. Sie hatten ihre Reisegeschwindigkeit erreicht und kamen fortan ohne weitere Vortriebsenergie aus. Die Booster wurden abgeschaltet. Für kurze Zeit waren sie schwerelos, bis die Rotoren der Zylinder ansprangen und wieder künstlich die Pioniere auf die alte Schwerkraft von Racoon einpendelten.

Ein Vergnügen, sich schwerelos durch die Gänge bewegen zu können. Doch spätestens nach wiederherstellen der Schwerkraft begann das Alltagsleben. Zumindest gab es einige Bereiche im Innenraum der Zylinder, in denen Schwerelosigkeit herrschte.

Zusammen mit 40 anderen Pionieren wurde Mijk zum Architekten ausgebildet. Architekten sind nicht etwa für Entwurf und Konstruktion von Gebäuden zuständig. Das ist nur Nebensache. Vielmehr ist dieses Team für die die Besiedlungs- und Terraformingtaktiken ihrer neuen Heimat verantwortlich, eine der wichtigsten Aufgaben. Zahlreiche weitere Spezialisten werden ihnen dabei helfen, geeignete Standorte für eine Besiedlung zu finden, Planeten bewohnbar zu machen oder Habitate in unterirdische Höhlen zu bauen.

Kontaktfreudig hatte sich Gena bereits mit Nachbarn und ihrer Arbeitsgruppe angefreundet und musste Mijk ein wenig mitziehen, der schon zuhause auf Racoon eher der Einzelgänger war, der nicht oft ausging. Das Schiff bot einiges an Abwechslung. Ganz in der Naehe ihres Habitats gab es ein Pub und es wurde zur Tradition, einmal pro Woche hinzugehen und sich mit den anderen zu treffen.

Einige der alten Lektionen auf Racoon drehten sich auch um das Sozialleben. Eine neue Gesellschaft sollte mit nur 10.000 Menschen aufgebaut werden, da musste man frühzeitig auf genetische Vielfalt achten. Das war auch auf Racoon schon so. Für die kleine Gruppe war es offensichtlich aber ein noch wichtiger Aspekt. Jede Pionierin, so das Ziel sollte daher möglichst viele Kinder mit unterschiedlichen Männern bekommen. Das wirkt sich naturgemäß auf die sozialen Strukturen aus. Familien werden größer, die Familienmitglieder wechseln schneller und die Bindung untereinander wird freier.

Gena beherzigte das frühzeitig, verliebte sich in einen ihrer Kollegen in den biologischen Labors des Schiffs und wurde schwanger. Sechs Jahre nach ihrem Start, etwa nach der Hälfte des Wegs wurde Mijk Onkel. Elika, seine kleine Nichte war dabei bei weitem nicht das erste Baby, das auf der Ebbighausen auf die Welt kam. Es gab schon über 100 Nachwuchsraumfahrer.

Mijk konzentrierte sich zunächst mehr auf seine Arbeit. Nach 10 Flugjahren konnten die Astronomen erste detaillierte Daten von Luytens Stern und seinen Planeten liefern. Sie sahen, wie viele es gab, welche Monde geeignete Größen aufwiesen und welche Atmosphäre sie hatten. Wertvolle Informationen, denn damit konnte bereits in Simulationen eine geeignete Auswahl eines Lande- und Besiedlungsortes getroffen werden, ehe sie das System mit ihren Eigenen Augen sehen konnten.

Dennoch fand auch Mijk Anschluss, der inzwischen zu einem wertvollen Crewmitglied wurde. Arin, seine Freundin, war in seinem Alter und wie Gena in der biologischen Abteilung tätig. Sie betreute die Arboreten, die den Sauerstoffhaushalt der Habitate regelten.

“Du bist immer so in Deine Arbeit vertieft”, sagte Arin eines Abends.

“Es gibt noch so viel zu tun, bis wir landen”, antwortete Mijk.

“Komm, ich zeig Dir was”, sagte sie daraufhin nur. Mijk war verdutzt und neugierig zugleich.

Sie liefen einen Korridor entlang. Zwei Habitatzonen weiter lag ein grosses Biologielabor.

“Hier hoch”, Arin deutete auf einen kleinen Lastenaufzug, der Richtung Mitte des Schiffs führte.

Sie fuhren nach oben, der Aufzug entkoppelte und plötzlich setzte die Schwerelosigkeit ein. Sie konnten durch die Decke auf eine riesige, schwach beleuchtete Halle blicken, als sich die Lastentür öffnete. Mijk wurde etwas flau im Magen.

“Das sind meine Bäume”, sagte sie schließlich. “Na komm, stoß Dich mit mir ab”. Sie schwebten in Richtung der Baumwipfel. Arin war geschickt darin, hier in der Schwerelosigkeit zu navigieren, und mit der Zeit machte es Mijk ebenfalls Spaß.

“Licht aus”, befahl Arin dem Neuro nach einiger Zeit, nachdem sie die Knospen der Bäume untersuchte. “Gleich geht es los”, wandte sie sich wieder Mijk zu.

Es war völlig dunkel, doch nach einigen Sekunden erkannte Mijk ein fahles Leuchten, das mit der Zeit immer stärker wurde. Fadenartig schien das milchige Licht durch die Luft zu schweben.

“Die Sporen”, erklärte Arin, wir bringen sie zum Leuchten, um den Prozess besser kontrollieren zu können. Ich find es wunderschön”.

“Wie lange dauert der Effekt an?”, fragte Mijk.

“Etwa eine Stunde”, antwortete sie, “dann saugen wir die Sporen ab”.

Mijk zog Arin an sich. “Dann haben wir eine Stunde”, sagte er.

Während des Fluges konnte die Crew jederzeit Nachrichten nach Hause absetzen, doch im Laufe des Flugs dauerte die Antwortzeit immer länger. Inzwischen benötigte die Transmission über ein Jahr. Doch auch von den anderen Kolonien kommen ständig Informationen über neue Entdeckungen, politische Bewegungen oder Katastrophen an. Der größte Datenstrom kommt immer noch von der Erde.

Ihre eigene Mission hingegen verlief bilderbuchartig. Zunächst wurden die Schiffe im Prokyon-System deutlich früher fertig als geplant. Nach 12 Jahren Flug ohne jeden größeren Zwischenfall kamen sie dann im System von Luytens Stern an. Mijk und Arin wurden noch vor der Ankunft auf eines der begleitenden Aufklärungsschiffe umgesiedelt und konnten das Sonnensystem schon früher in Augenschein nehmen. Sie fanden ganze sechs Gesteinsplaneten mit passender Gravitation, drei in der habitable Zone. Einer davon hatte sogar eine sauerstoffhaltige Atmosphäre. Es sollte zwar mehrere Generationen dauern, bis direkt bewohnbar. Dennoch konnte man es als paradiesisch bezeichnen im Vergleich zu vielen anderen Missionen.

Auf dem Flug starben 10 der 12.880 Menschen, während viele der inzwischen jungen Familien schon auf dem Flug für dringend benötigten Nachwuchs sorgten. So kamen sie mit mehr Passagieren an, als losgeflogen waren.

Mijk war in den Großen Rat berufen worden, dem Gremium, das für die Übergangszeit die Entscheidungen treffen sollte. Selbstverständlich wählten sie Luyten 3, den Planeten mit der sauerstoffhaltigen Luft aus.

“Schweißarbeiten werden schwierig”, begann Klas, einer der Ingenieure aus Mijks Team. “Der Sauerstoffgehalt ist sehr hoch.”

“Stimmt”, bekräftigte Mijk. “Wir sollten zunächst nur Neuros und Modellierer auf den Planeten lassen. Die können die Habitate zusammensetzen. Die Fertigung verlegen wir auf den Mond. Hier gibt es Unmengen an Metallvorräten für die Konstruktion, sowie Gestein für die Glasproduktion. Wir sollten möglicherweise in der Startphase den Hauptreaktor aus einem der Schiffe nehmen, um nicht noch eine Energiequelle konstruieren zu müssen.”

“Aber was machen die Menschen dann in dieser Zeit?”, fragte Iossi, eine andere Kollegin.

“Alle bleiben noch ein bisschen auf ihrem Schiff”, sagte Klas. “Damit haben wir schon gerechnet. Die Solarpaneele geben genügend Energie für die Lebenserhaltung ab. Einige Zusatzsysteme müssten allerdings abgeschaltet werden.”

“Ihr sagt, in der Zeit sollte keiner auf den Planeten?”, entgegnete Arin, Mijks Freundin, die ebenfalls an der Planung beteiligt war. “Aber wir müssen schnellstmöglich die Züchtungs- und Bepflanzungsprojekte starten. Wir brauchen atembare Luft.”

Mit deutlich erkennbarem Schwangerschaftsbauch sass sie in der großen Runde im Auditorium des Erkundungssschiffes und zeigte die Pläne des Biologenteams vor. Vieles übernahmen auch hier die Neuros. Ihre Arbeit musste sich vollkommen umkehren. Statt sauerstoffproduzierender Pflanzen, wie auf den Schiffen und in den Habitaten von Prokyon, mussten nun Organismen eingesetzt werden, die Sauerstoff konsumieren, Giftstoffe filtern, Treibhausgase in ausreichender Menge produzieren und so eine lebensfähige Atmosphäre erzeugen konnten. Doch für dieses Projekt war eine Überwachung unumgänglich. Man müsse es erfühlen, sagte sie.

Am Ende entschied man sich für einen kleinen Außenposten und eine transportable Unterkunft. Einen großen, fliegenden Wohnwagen, wenn man so wollte, in den Mijk und Arin, sowie vier weitere Wissenschaftler einzogen.

Auf das Jahr 840 nach Prokyon-Zeit folgte nun das Jahr 1 nach Luyten-Zeit. Drei Monate nach der Ankunft wurde Nika geboren. Mijks und Arins Tochter war offiziell die erste Luytenerin. Obwohl die Neuros perfekt für das Wohlergehen der Hochschwangeren sorgten und die Geburt überwachten, kam es zu Komplikation bei Arin. Sie starb nur wenige Tage nach Nikas Geburt.

Mijk brach für kurze Zeit zusammen, fing sich dann aber schnell wieder, indem er sich in seine Arbeit stürzte und mit Nika alle Hände voll zu tun hatte.

“Grosses Glück haben wir”, sagte er auf der Beerdigung gerührt. “Unsere neue Heimat, so rau sie auch scheinen mag, ist der perfekte Ort für einen Neubeginn. Alles hier ist im Entstehen. Aber wir müssen auch große Opfer bringen. Das sollten wir nie vergessen.”

Etwa ein Jahr später waren die Habitate fertig und die Pioniere konnten nach und nach einziehen. Mijk und Nika tauschten ihren vorübergehenden Wohnort, den Campervan, wie sie es nannten, wieder gegen eine feste Behausung und zogen mit Mijks Schwester Gena, seiner inzwischen siebenjährigen Nichte Elika und einigen anderen in eine WG in der Stadt ein, die sie Ebbig nannten. Benannt nach ihrem Schiff, das wiederum nach Ebbighausen, einem der Entdecker dieses Sternensystems, benannt hatten.

Insgesamt entschied sich das Gremium für acht mittelgroße Habitate, verteilt über den großen Hauptkontinent, vier davon am Wasser gelegen. Schnelle Datenverbindungen und permanente Transportlinien verbanden die Siedlungen miteinander.

Das Leben in ihrer neuen Heimat hatte begonnen. Es war zunächst rau und gewöhnungsbedürftig, aber es hatte das Potential zum Paradies.

Sie reden von Wellen, aber keiner, den ich gefragt habe, weiß mehr, was das bedeutet.

Heute jedenfalls ist ein historischer Tag. Heute sind wir im Sternsystem Rahl angekommen und auf dessen vierten Planeten gelandet. Offiziell haben wir dadurch die 5000. Welle vervollständigt.

Permanent kommen Informationen von tausenden Sternsystemen hier an. Alle wurden zu unterschiedlichen Zeiten abgeschickt. Unsere Maschinen filtern die Informationen für uns und bereiten eine, wie sie behaupten objektive Geschichte der Milchstraße auf. Ich traue den Maschinen nicht mehr sonderlich über den Weg, nicht seitdem wir mit unseren eigenen Radiophalanxen einige der Transmissionen selbst abgehört haben.

Ich glaube, einige der anderen Kolonien werden inzwischen von den Maschinen kontrolliert. Wir sollten Kontrollmaschinen bauen, die die Maschinen überprüfen. Sollen sie doch gegen sich selbst kämpfen. Ohne sie kommen wir leider nicht aus, denn die Uhr tickt. Wir haben eine Kolonie zum Leben zu erwecken und ein Schiff zu bauen.

Sie reden auch von der alten Erde, dem Planeten, von dem aus alles anfing. Sie sagen, sie wäre vor einer Million Jahren zerstört worden. Viele hier auf dem Schiff und in den Nachrichten reden dennoch von der Erde als wäre sie ein heiliger Ort. Unsere Sternkarten verzeichnen das Sonnensystem tatsächlich noch. Von hier ist sie 12.500 Lichtjahre entfernt und scheint zum Hoheitsgebiet einer Allianz zu gehören, die sich Luytena nennt. Aber wie kann man Informationen glauben, die über 10.000 Jahre alt sind?

Ich glaube, wir müssen dennoch froh sein, dass wir einen Knoten im Informationsnetz der Milchstraße haben. Fast ¼ der Galaxis wird von den Nachfahren dieser Erde bewohnt — oder ihren Maschinen. Sicher gibt es dabei Regionen, bei denen das Wissen über diese Vergangenheit komplett verloren gegangen ist. Oder sind sie sogar besser dran?

Sie reden auch von den Aliens und sagen immer noch Außerirdische zu ihnen, als wäre in uns überhaupt noch irgendetwas irdisches übrig geblieben.

Bisher sind wir keinen über den Weg gelaufen, aber auch diese Aussage kommt von den Maschinen. Dafuer haben wir auf zahlreichen Planeten Milliarden von Mikroben, zahllose Algentypen und tausende Gräser gefunden.

Hier direkt über uns haben wir einen Mond, der von pilzähnlichen Strukturen vollkommen überwuchert ist. Leider unbewohnbar. Die Sporen machen ein Terraforming auf Jahrhunderte hinaus unmöglich.

Ein Gerücht hält sich allerdings hartnäckig. Die Maschinen sagen, auf manchen Missionen, nicht gerade wenigen, wurden technische Konstrukte entdeckt, die auf eine andere Zivilisation hindeuten. Wir haben sogar Bilder gesehen. Sie sahen schon sehr verfallen aus, aber mit etwas Phantasie kann man noch den Ingenieur dahinter erkennen. Von Aliens war aber keine Spur. Vielleicht hatten Andere ja Millionen Jahre vor uns schon dieselbe Idee. Vielleicht sind sie ja auch auf der sagenhaften Erde vorbei gekommen.

Sie reden auch davon, dass nichts für immer existiert.

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