OctahedronWorld

🇩🇪 Kindergeschichte

Kamina und die Wassergeister

Genau wie Alice, wird die kleine Kamina in einen Kaninchenbau gezogen und findet sich in einem fantastischen Abenteuer wieder ... unter Wasser.

Kamina und die Wassergeister
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Kamina rannte, so schnell sie konnte. Sie war wütend, weil sie sich mal wieder mit ihrem Bruder gestritten hatte. Er hatte ihr ihre schöne Spieluhr weggenommen. Wenn man sie öffnete, tanzte ein kleines Einhorn nach einer bezaubernden Melodie, deren Namen sie leider vergessen hatte. Das bunte Holzkästchen mit dem tanzenden Einhorn war ihr das Liebste, was sie besaß.

Ihr Bruder Yoko war zwei Jahre älter als sie. Er hatte ihr die Uhr schon einmal weggenommen. Sie erinnerte sich genau daran. Es war an ihrem letzten Geburtstag gewesen, als sie sechs Jahre alt geworden war. Yoko hatte damals sogar eine kleine Ecke von dem zierlichen Kästchen mit dem tanzenden Einhorn darin abgebrochen. Diesmal war sie vorbereitet. Sie riss ihm die Uhr sofort wieder aus der Hand, trat ihm gegen das Schienbein und rannte so schnell sie konnte los. Das geschah ihm recht!

Sie waren gerade im Urlaub auf einem Campingplatz am Meer. Eigentlich gefiel es der Sechs‐jährigen hier ausgezeichnet. Alles war grün und mit Büschen bedeckt. Was ihr besonders gefiel, war, dass es hier überall Löcher gab, in denen Kaninchen wohnten. In diesem Jahr war sie schon zweimal welchen begegnet!

Immer wenn etwas schön war, musste ihr Bruder kommen und alles zerstören. Das war an ihrem Geburtstag genauso gewesen. Das Mädchen rannte vor Wut weiter und weiter. Inzwischen hatten sie bereits zwei der langen dunklen Hecken hinter sich gelassen, die hier zwischen den Wiesen wuchsen. Sie kam jetzt schon an den letzten Zelten am Rande des Campingplatzes vorbei.

Sie war fast an der Treppe angekommen, die zum Strand hinunterführte, als sie auf dem Boden vor sich jemanden hoppeln sah. Es war eines der Kaninchen! Es war wohl besonders zutraulich, denn so nah, war Kamina noch an keines von ihnen herangekommen. Obwohl ihre Schritte einen ziemlichen Lärm machten, schien es gar keine Angst vor ihr zu haben. Das Mädchen blieb kurz stehen, um innezuhalten.

Sie beschloss, ab jetzt lieber vorsichtig zu schleichen, um sich dem Tierchen etwas besser nähern zu können. Sie wollte es einfach zu gerne streicheln. Es hoppelte davon und blieb schließlich vor der nächsten Hecke stehen. Kamina war verwundert. Das Tier schien auf sie zu warten!

Die Sträucher in den Hecken waren so dornig und dicht, dass man sich nicht einfach so hindurchzwängen konnte. Die Tiere, die hier lebten, hatten aber dafür gesorgt, dass es ein paar Trampelpfade gab. Kamina kannte sie inzwischen ziemlich gut. Sie sind nun schon zum dritten Mal hier.

Dort, wo das Kaninchen jetzt saß, hatte sich aus den Wurzeln und Ästen der Hecke ein Durchgang gebildet. Er wirkte fast wie eine kleine Tür.

„Der perfekte Eingang für einen Kaninchenbau“,

dachte Kamina bei sich. Oder hatte sie es ausgesprochen? Sie war sich nicht ganz sicher. Und was noch viel merkwürdiger war: Das Kaninchen hatte ihr geantwortet! Oder hatte sie sich verhört? Jetzt wiederholte das Nagetier seine Worte.

„Komm mit!“

sagte es laut und deutlich.

„Ja, Du da. Du und Dein Freund“, fügte das Kaninchen hinzu.

„Welcher Freund?“

antwortete Kamina perplex. Sie konnte gar nicht glauben, dass sie mit einem Kaninchen sprach. So was kannte sie bis jetzt nur aus Geschichten. In diesem Moment klopfte es auch noch.

„Klopf, klopf.“

Was mochte das nun schon wieder sein? Da bemerkte sie, dass die Klopfgeräusche aus ihrer Spieluhr kam. Sie öffnete den Deckel der Holzschachtel, doch diesmal kam keine Musik heraus. Natürlich kam ihr sofort wieder ihr Bruder in den Sinn.

„Dieses Mal hat er meine Uhr endgültig zerstört“,

dachte sie. Doch da hörte sie eine weitere Stimme.

„Hallo Kamina, ich bin Flox“,

klang es leise in Kaminas Ohren. Sie wollte ihren Augen nicht trauen. Die Stimme schien von dem kleinen Einhorn in der Uhr zu kommen.

„Du bist am Leben und Du kannst sprechen?“

fragte Kamina mit zitterndem Ton. Sie war überwältigt. Erst redete ein Kaninchen mit ihr und nun auch noch ihr Lieblingsspielzeug.

„Ja, Kamina. Ich bin hier, um auf Dich aufzupassen.“

„Aber, aber.“

Kamina stockte. Sie hatte plötzlich so viele Fragen.

„Aber wie kann das denn sein?“

„Ich habe schon immer auf Dich aufgepasst, mein Schatz“,

sagte das bunte Einhorn.

„Und ich kann noch viel mehr, als nur reden. Pass mal auf.“

Mit diesen Worten bäumte sich das Pferdchen kurz auf. Sein Fell glitzerte und sein Horn begann in allen Regenbogenfarben zu leuchten. Dann schien es plötzlich immer größer zu werden. Kamina wurde beim Zusehen ganz schwindelig.

Plötzlich fiel ihr etwas noch viel Seltsameres auf: Das Einhorn wuchs gar nicht. Stattdessen wurde sie immer kleiner. Irgendwann war sie kaum noch größer als das Kaninchen. Im nächsten Moment passte sie schon durch den Durchgang, durch den es aus der Hecke gekommen war. Das Einhorn stand jetzt neben ihr. Es hatte die Größe eines kleinen Ponys, aber die grazile Eleganz eines edlen Schimmels.

„Na, wie findest Du das, Kamina?“

fragte Flox. Die Stimme des Einhorns klang jetzt viel tiefer und kräftiger als beim ersten Mal.

„Es macht mir ein bisschen Angst“,

antwortete Kamina.

„Du hast mich klein gemacht. Wie komme ich denn hier jemals wieder raus?“

„Hab keine Angst, Kamina!“

beruhigte Flox das Mädchen. „Ich bin immer für Dich da. Ich verspreche Dir, dass Dir nichts passieren wird und Du rechtzeitig zum Mittagessen wieder zurück bist.“

„Weißt Du, wir brauchen Deine Hilfe“,

ergänzte Flox, während sie einen schattigen, engen Durchgang zwischen den dornigen Büschen entlangliefen.

„Die Meerjungfrauen sind in Gefahr.“

„Die Meerjungfrauen?“

fragte Kamina verblüfft.

Kamina hatte immer von Meerjungfrauen geträumt, wenn sie hier im Urlaub waren. Es schien sie also wirklich zu geben? Gemessen an den verrückten Dingen, die ihr heute schon passiert waren, musste das natürlich wahr sein. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Sie würde vielleicht schon bald ein paar echten Meerjungfrauen begegnen.

Flox fing an, von den Bewohnern des Meeres zu erzählen. Er berichtete von den Gesprächen, die die bunten Fische miteinander führten. Von den Schildkröten und den großen Walen. Schließlich erzählte er von Königin Neptunia der Zweiten. So hieß die Herrscherin über die Wassergeister und Meerjungfrauen.

Nach einem langen Fußmarsch mit vielen Biegungen und Abzweigungen und über Treppenstufen, die in die Felsenklippen gehauen waren, erreichten sie das Meer. Das Wasser plätscherte in kleinen glitzernden Wellen gegen den hellen Sandstrand.

Kamina hatte das Gefühl, dass sie schon sehr lange unterwegs waren. Als sie aufsah, musste sie sich erst mal die Augen reiben. Fast hätte sie nicht geglaubt, was sie im hellen Sonnenlicht vor sich sah.

Die drei Wandernden befanden sich mitten in einem pink schimmernden Meer. Tausende Flamingos standen Reihe an Reihe hintereinander im flachen Wasser. Sie pickten nach Fischen und zupften sich das Gefieder.

Einer aus der vordersten Reihe hatte einen merkwürdigen Hut auf dem Kopf. Er sah aus wie ein Helm, schien aber aus einer Art Leder zu bestehen. Außerdem trug der Vogel eine Brille auf der Stirn. Momentan brauchte er sie wohl nicht. Kamina dachte, dass das Tier sie vielleicht aufsetzte, damit ihm beim Fliegen keine Insekten in die Augen flogen.

„Was für ein komischer Flamingo“,

dachte sie. Als hätte sie ihn danach gefragt, sprach dieser zu ihr.

„Mein Name ist River. Ich bin der Wächter der großen Meeresstadt und das hier sind meine Wachen. Wer seid Ihr und was wollt ihr?“

fügte er in gebieterischem Ton hinzu.

Da sie geschrumpft waren, war der Wasservogel mehr als dreimal so groß wie das Kind. Flox stupste Kamina mit seinen Nüstern an. Das Einhorn forderte sie damit gleichzeitig dazu auf, etwas zu sagen, und gab ihr zu verstehen, dass es nach wie vor für seine Sicherheit sorgte.

„Mein Name ist Kamina Sommerspitz“,

stotterte sie.

„Und ich bin Flox“,

fügte das Einhorn schnell hinzu.

„Wir werden schon von Königin Neptunia, der Zweiten, erwartet. Wir sind hier, um unsere Hilfe anzubieten.“

„Ist das so?“

entgegnete River ungläubig.

„Ihr seid das also?“

Er machte einige komische Kopfbewegungen zu dem zweiten Flamingo hinter ihm. Dieser beugte sich sogleich mit seinem langen Hals weiter zurück und flüsterte einem der anderen Vögel etwas ins Ohr. So ging es weiter. Über die stille Post hatte die Nachricht bald die hintersten Flamingos erreicht und das Spiel drehte sich um. Nach einigen Sekunden betretenen Schweigens beugte sich der flauschige, pinkfarbene Flamingo schließlich zu River vor und flüsterte ihm eine Antwort zu.

„Ihr dürft passieren“,

sagte er nach kurzer Überlegung. Die Schar der Flamingos teilte sich in der Mitte und machte einen Weg frei, der direkt ins Meer führte.

„Keine Angst“,

sagte Flox zu Kamina.

„Wenn ich oder einer der Wassergeister in der Nähe ist, kannst Du unter Wasser ganz normal atmen.“

Für einen kurzen Moment überkam Kamina wieder die Angst. Sie musste an ihre Eltern denken und die Zeit, die schon verstrichen war, seit sie oben das Kaninchen entdeckt hatte. Es musste schon ziemlich spät sein. Sicher hatte das Mittagessen längst angefangen. Bestimmt machte sich ihre Familie bereits Sorgen.

Doch sie beschloss, mutig zu sein. Was hier passierte, war einfach zu aufregend. Sie konnte sich dieses Abenteuer auf keinen Fall entgehen lassen.

So machte sie die ersten Schritte ins Meer. Erstaunlicherweise kam ihr das Wasser gar nicht kalt vor. Wenn sie bis jetzt hier schwimmen gegangen waren, hatte es immer ganz schön lange gedauert, bis sie sich ganz hineingetraut hatte.

Auf dem Weg zur Meeresstadt erzählten Flox und River, der sie begleitete, dem Mädchen von den Problemen in der Unterwasserwelt.

„In den Häusern und Höhlen der Wassergeister sammelt sich immer mehr Plastikmüll“,

erklärte Flox. „Die Tüten und Flaschen und Fischernetze sind eine große Gefahr. Vergangene Woche ist sogar der Turm im Stadtzentrum eingestürzt. Ein Netz hat sich einfach so um ihn herumgewickelt und er wurde von der Strömung davon gerissen.“

„Aber was kann ich denn da tun?“

fragte Kamina, die wirklich gerne helfen wollte.

„Königin Neptunia wird es Dir erzählen“,

antwortete River. Seine Stimme klang dumpf, weil sich sein Kopf noch über Wasser befand. Kamina konnte im Moment nur seine roten Beine sehen. Der Flamingo tauchte den Kopf nur manchmal unter, um nach ihnen zu sehen.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass das Kaninchen nicht mehr da war. Bis zum Strand war es ihnen noch gefolgt. Nun schien es wieder zu seinem Bau zurückgelaufen zu sein. Komisch, Kamina hatte gar nicht gemerkt, wie es sich verabschiedet hatte. Ob sie es noch mal treffen würde? Sie hätte sich gerne noch etwas länger mit ihm unterhalten. Schließlich war es ihr Lieblingstier, das an ihrem Lieblingsort lebte.

Die Abenteurer standen nun vor einem mächtigen Holztor. Es war prächtig verziert und in allen Farben des Meeres bemalt. River tauchte noch einmal unter und pochte mit seinem Schnabel dreimal kurz an die Pforte. Das Tor öffnete sich langsam. Sie betraten das Königreich der Wassergeister.

Kamina staunte nicht schlecht. Sie standen am Eingang einer riesigen Stadt. Hunderte Meerjungfrauen schwirrten überall herum. Mit ihren langen Fischflossen waren sie die besten Schwimmer, die sie jemals gesehen hatte.

Erwachsene und Kinder schwammen hinter-, neben- und übereinander herum. Sie gingen ihren Beschäftigungen nach. Einige der Kinder hatten genau wie sie Spielzeug dabei. Kamina war begeistert. Sofort versuchte auch sie, so fröhlich umherzutauchen. Doch sie musste schnell feststellen, dass sie mit ihren menschlichen Beinen nicht ganz so schnell und wendig sein konnte – obwohl sie sich gar nicht so ungeschickt anstellte, wie sie fand. Frau Pütz, ihre Schwimmlehrerin, wäre sicher stolz auf sie gewesen.

Schon nach der kurzen Zeit, die sie jetzt unter der Wasseroberfläche war, klappte es mit der Fortbewegung bestens. Der arme Flox trabte weiterhin am Boden entlang. Man konnte es ihm ansehen, dass das hier nicht seine Welt war. Auf einmal sah Kamina eine Vierergruppe junger Meerjungfrauen auf sie zu schwimmen.

„Hallo, wer bist Du denn?“

wisperte das erste Kind etwas abschätzig.

„Ich bin Neria“,

mischte sich eine grünlich schimmernde Meerjungfrau in einem deutlich höflicheren Ton ein. Sie hatte wohl bemerkt, dass das Mädchen etwas eingeschüchtert war.

„Das hier sind meine Schwester Xiope und mein Bruder Filipe. Mein Bruder Merlin hier drüben hat Dich ja schon begrüßt.“

„Hallo“,

flüsterte Kamina. Ihr stockte der Atem vor Bewunderung.

„Mein Name ist Kamina, Kamina Sommerspitz. Ich bin ein Mensch und wurde von meinem Freund Flox hier hergebracht.“ Kamina deutete nach hinten.

Unter Wasser kommt man auf dem Boden nicht so schnell voran, deshalb befand sich das Einhorn noch etwas entfernt.

„Ach, der gute alte Flox“,

sagte Neria.

„Du kennst ihn schon?“

fragte Kamina überrascht.

„Ja natürlich! Jeder hier kennt Flox. Er hat uns schon so oft geholfen. Außerdem ist er ein enger Freund unserer Mutter.“

„Ach so! Ich kenne ihn erst seit ein paar Stunden, obwohl er schon seit ein paar Jahren in meiner Spieluhr wohnt.“

„Was? Das verstehe ich nicht. Das musst Du mir bald einmal genauer erzählen. Aber jetzt erst mal zu uns. Wir sind vier Geschwister, wie Du schon weißt. Unsere Mutter ist hier die Königin.“

Der Nixe schien es wichtig zu sein, alle genau vorzustellen.

„Ach“,

entgegnete Kamina.

„Königin Neptunia ist Eure Mutter?“

„Ja genau! Wir alle sind Wassergeister. Auch Nixen genannt, oder Meerjungfrauen. Aber das ist ein sehr altmodischer Begriff. Wir mögen Geister lieber. Das klingt viel wilder. Woher kennst Du unsere Mutter denn?“

„Flox und River, der Flamingo, haben mir auf dem Weg hierher von ihr erzählt. Ich glaube, sie möchten mich zu ihr bringen.“

Kamina erzählte ihre Geschichte. Sie versucht, alles zusammenzufassen, was ihr bisher an diesem seltsamen Tag passiert war. Mit den vier Wassergeistern verstand sie sich so gut, dass sie die Zeit vergaß und sich in die Spiele und die Geschichten vertiefte, die sie auf Lager hatten.

Irgendwann tauchten Flox hinter ihnen auf. Einer der erwachsenen Wassergeister war auch dabei.

„Kamina, wo warst Du denn so lange“,

wieherte Flox, der ziemlich aus der Puste war.

„Ich suche Dich schon seit einer halben Ewigkeit. Wir wollten doch zur Königin. Vergiss Deine Aufgabe nicht, mein Schatz!“

Kamina hatte ein schlechtes Gewissen. Natürlich, die Aufgabe! Wie konnte sie die nur vergessen? Sie wollte doch ein Abenteuer bestehen und den Bewohnern des Meeres bei ihrem Problem mit dem Plastikmüll helfen.

„Komm, wir begleiten Dich“,

schlug Neria kurzerhand vor.

„Lasst uns Mama einen Besuch abstatten. Sie hat sicher nichts dagegen“, sagte sie zu ihren Geschwistern.

Und so machte sich die Sechsergruppe auf den Weg zum Königspalast in der Mitte der Stadt. Auf dem Weg dorthin kamen sie auch an einem Trümmerhaufen vorbei.

„Hier hat der große Turm gestanden“,

berichtete Neria. Kamina bekam einen gehörigen Schrecken. Das war ein trauriger Anblick.

Die prächtigen Häuser der Unterwasserstadt beruhigten sie schnell wieder. Sie waren noch schöner, als sie sie sich vorgestellt hatte. Besonders begeistert war das Mädchen vom großen Palast der Königin. Als sie ihn erreichten, strahlten ihre Augen. Sie hatte noch nie in ihrem Leben ein so prächtig funkelndes Anwesen gesehen wie den Unterwasser-Palast.

„Hier wohnen wir“,

sagte Neria.

„Das ist traumhaft!“

staunte Kamina. Sie wurden jetzt von den Palastwachen begleitet.

„Allein finde ich nie wieder zurück“,

dachte Kamina. Sie waren durch ein wahres Gewirr aus Gängen, Sälen und Nebenzimmern geschwommen und eben im Thronsaal der Königin angekommen. Der Weg durch den Palast und die Gassen der Unterwasserstadt zurück an den Strand und durch die Gebüsche bis zum Campingplatz schien ihr in diesem Moment unüberwindbar.

Doch diese Gedanken hatte sie schnell wieder vergessen. Ihre Umgebung war einfach zu schön, um sich Sorgen zu machen. Der Saal war so groß, dass sie sogar in ihrer normalen Größe hineingepasst hätte, ohne sich den Kopf zu stoßen.

„Tretet näher“,

hörte sie eine warme, angenehme Stimme von der anderen Seite des Saals herüber hallen. Das Echo wurde von allen Wänden zurückgeworfen.

Kamina ging ein paar Schritte in die Richtung, aus der sie die Worte gehört hatte. Als sie näherkam, sah sie eine Frau mit kurzem weißem Haar auf dem Thron sitzen. Das musste Königin Neptunia sein, Nerias, Xiopes, Filipes und Merlins Mutter. Sie sah aus, wie eine richtige Majestät. Kamina sah es schon an ihrer Körperhaltung. Sie war bildschön und ihr Alter konnte man nur erahnen. Sie hatte langes weißes Haar, das von einem zarten Korallenhaarreif gehalten wurde. Sie trug ein weißes Gewand, aus dem die prächtige, in allen Blau- und Grüntönen schimmernde Schwanzflosse herausschaute.

„Hallo, Mama“,

rief der freche Merlin. Er war schon voraus geschwommen.

„Na, wen habt Ihr mir denn da mitgebracht?“

fragte die Königin in mütterlichem Ton. Erst als die Gruppe näher herankam, konnte Neptunia den Nachzügler sehen.

„Flox, mein alter Freund“,

begrüßte sie das Einhorn begeistert. Sie stand von ihrem Thron auf und schwamm ihm entgegen. „Es ist mir eine große Freude, Dich zu sehen!“

Die beiden tuschelten ein wenig untereinander. Kamina konnte nicht verstehen, was sie sagten. Schließlich kamen sie auch auf sie zu.

„Das ist Kamina, Kamina Sommerspitz von den Menschen“,

stellte Flox sie vor. In einem Märchenfilm hatte Kamina einmal gesehen, dass die Leute einen Knicks machten, wenn sie einer Königin begegneten. Natürlich war das hier kein Märchen, aber sie hielt es für das Richtige, es auch zu tun. Die Königin begann zu lachen.

„Auf solche Höflichkeitsfloskeln verzichten wir hier unten schon seit vielen Jahrtausenden. Macht man das bei Euch Menschen da oben immer noch? Einen Knicks? Komm am besten einfach her. Ich heiße Dich herzlich willkommen in meinem Schloss! Wie ich sehe, hast Du meine Kinder bereits kennengelernt? Ich nehme an, sie haben Dich schon herumgeführt?“

„Ja“,

antwortete Kamina.

„Sie sind sehr nett zu mir.“

„Das freut mich zu hören, meine Liebe“,

antwortete die Königin.

„Flox hat mir schon viel von Dir erzählt.“

Kamina schaute zu dem Einhorn, das beruhigend und bestätigend mit dem Kopf nickte.

„Nur das Beste“,

wieherte Flox leise.

„Ich weiß nicht, ob ich Euch helfen kann“,

platzte die Frage schließlich aus Kamina heraus. Sie hatte sie schon die ganze Zeit stellen wollen.

„Hahaha“,

lachte die Königin auf ihre freundliche und lustige Art.

„Und ob Du das kannst, Kamina!“

antwortete sie.

„Du hast die Gabe dazu. Flox hat es mir schon vor Wochen erzählt und jetzt sehe ich es mit eigenen Augen. Du musst nur an Dich glauben. Komm mal mit, ich muss Dir etwas zeigen.“

Ohne lange zu zögern, nahm Königin Neptunia Kamina zur Seite. Sie schwammen in einen ruhigeren Seitenbereich des Saals und nahmen auf einer Bank aus Muscheln Platz. Flox folgte ihnen. Die jungen Wassergeister spielten vor dem Thron ihrer Mutter weiter. Sie hatten dort ein paar Spielsachen entdeckt, die sie sicher bei ihrem letzten Besuch im Saal dort liegen gelassen hatten.

„Denke an irgendein Spielzeug“,

sagte die Königin.

Kamina fiel nichts anderes ein, als der alte Wasserball ihres Bruders. Plötzlich landete er direkt in ihrem Schoß. Sie sah sich erschrocken um und suchte die Ecken nach ihrem Bruder ab. Es war aber nichts zu sehen.

„Probier es noch einmal. Nimm dieses Mal ein Schmuckstück.“

Mit diesen Worten nahm Königin Neptunia dem Mädchen den Ball ab und ließ ihn mit einem kräftigen Ruck in Richtung Decke aufsteigen. Kamina spürte etwas Kaltes um ihren Hals und erkannte die Silberkette mit dem kleinen Amulett, in dem die Bilder ihrer Eltern steckten. Obwohl sie sich sicher war, dass sie es nicht mal mit in den Urlaub genommen hatte, war es plötzlich hier.

„Wie machst Du das?“

fragte sie die Königin erstaunt.

„Oh, ich mache gar nichts“,

entgegnete Neptunia.

„Das kommt alles von Dir. Du trägst die seltene Gabe der Fantasie in Dir. Du kannst die Dinge aus Deinen Gedanken wahr werden lassen. Du konntest es schon immer, aber je älter du wirst, desto besser kannst Du Dich konzentrieren und desto besser wird es funktionieren.“

„Flox hat Dir ja schon gezeigt, was mit unserer schönen Stadt passiert ist. Der große Turm, der einst bis zur Meeresoberfläche ragte, ist vor Kurzem eingestürzt. Er hat sich in einem riesigen Fischernetz verfangen. Aber das ist nur ein kleiner Teil des Problems. Die ganze Stadt hat mit dem Plastikmüll der Menschen zu kämpfen. Auch die Fische außerhalb unserer Stadtmauern und der ganze Strand sind davon betroffen. Es sind sogar schon einige von uns Wassergeistern und ganz viele andere Meeresbewohner daran gestorben.“

Kamina war betroffen. Sie musste diese schöne Welt, die sie gerade erst entdeckt hatte, dringend beschützen. Sie durfte nicht verloren gehen.

„Alle in der Stadt sind bereit, zu helfen. Aber wir brauchen noch mehr Schutz. Du kannst uns mit Deiner Fantasie helfen. Die Aufgabe ist einfach und kompliziert zugleich. Denk Dir etwas aus, das den Müll von unserer Stadt fern hält, den Bewohnern des Meeres jedoch nicht schadet. Wir haben es schon einmal mit Netzen versucht, aber leider haben sich Fische darin verfangen. Das war uns zu gefährlich.“

Kamina schloss ihre Augen und überlegte. Sie musste sofort an ihre Puppen denken. Sie hatte eine ganz besondere Puppe, die mit ihren Händen greifen konnte. Außerdem hatte sie vor Kurzem einen kleinen Bagger geschenkt bekommen, der seinen Greifarm verlängern konnte. Ihre Fantasie arbeitete, wie noch nie zuvor. Sie dachte daran, wie die Arme der Puppe den Abfall aus der Strömung heraus fischten. Flox und die Königin sahen Kamina zu. Sie lächelten beide. Es sah fast so aus, als könnten sie erkennen, was sich im Kopf der Sechsjährigen abspielte. Als Kamina ihre Augen wieder öffnete, erzählte sie den beiden von ihrer Idee.

Als sie alle gemeinsam wieder nach draußen schwammen, war bereits die ganze Stadt unterwegs. Alle wollten mit anpacken und die Unterwasserwelt und den Strand vom Müll befreien. Kamina schwamm mit Neria, Königin Neptunia, Felipe, Xiope, Merlin und einigen der Wachen bis in die Außenbereiche der Stadt.

Sie lagen in der Meeresströmung und waren nicht so leicht zu erreichen. Um mit dem Tempo der Meeresbewohner mithalten zu können, durfte sie zusammen mit dem Einhorn auf einem großen Napoleonfisch reiten. Das machte unglaublich viel Spaß und Kamina quietsche ein paar Mal vor Freude.

An die Uhrzeit dachte sie inzwischen gar nicht mehr. Sie dachte viel lieber daran, was sie alles aufbauen wollte, um den Lebewesen unter Wasser zu helfen.

Der Napoleonfisch setzte sie auf einem flachen Felsen ab. Dort angekommen, machte Kamina die Augen wieder zu und überlegte weiter. Neria und die anderen standen neben ihr und staunten.

Zwischen all den Helfern aus der Stadt, die umher tauchten und Müll aufsammelten, tauchten aus dem Nichts plötzlich große, verkrustete Arme wie Muränen aus dem Meeresgrund auf. An ihnen befanden sich starke Hände, die alles greifen konnten, egal, wie schwer es war. Sie griffen immer wieder nach Netzen, Plastikflaschen und Tüten. Selbst ein altes Stück eines Schiffs schnappten sie aus dem Meer.

Mit der Zeit wurden es mehr und mehr Arme. Es waren so viele und sie waren so lang und stark, dass sie die ganze Unterwasserstadt und den gesamten Strand erreichen konnten. Die Greifarme arbeiteten immer schneller. Der Müllberg wuchs.

Nachdem alles sauber war, war Kamina erschöpft. Flox bemerkte es und kümmerte sich um das mutige Mädchen. Das Einhorn rief zum Aufbruch und so machten sich alle auf den Rückweg in die Meeresstadt.

Kamina wahr überrascht, als sie an dem riesengroßen Müllberg am Strand vorbeikamen, den ihre fantastischen Greifarme aufgestapelt hatten. Schnell wurde ihr klar, dass er hier nicht so liegen bleiben könnte und so erinnerte sie sich mit letzter Kraft an eine haarige, orangefarbene Raupe, die sie einmal gesehen hatte. Das kleine Tierchen war sehr gefräßig gewesen und hatte vor ihren Augen ein riesiges, grünes Blatt verspeist.

Sie schloss noch einmal ihre Augen und schon einen kurzen Moment später machte sich eine riesige Horde hungriger Raupen über den Berg her, um ihn mit großem Appetit zu verspeisen. Als die Raupen alles aufgefressen hatten, wurde es ganz still um sie herum. Ihre Farbe veränderte sich. Aus einem satten Orange wurde dunkles Braun und ihr vorher so glänzendes Fell verschwand. Stattdessen waren sie jetzt von einer ledrigen Haut überzogen. Sie hatten sich verpuppt. Wieder einen Augenblick später kehrte plötzlich Leben in die verpuppten Raupen. Durch ihre jetzt dünner werdende Haut konnte man bei genauerem Hinsehen Beinchen und Flügel erkennen, die sich immer schneller zu bewegen schienen. Sechs Beinchen und zwei Flügel in jeder Puppe.

Plötzlich war es so weit: Hunderte Schmetterlinge flogen auf. Einer schöner als der andere. Sie schimmerten in den buntesten Farben.

„Kamina“,

sagte Neptunia, die Zweite, als sie schließlich wieder am großen Schlosstor angekommen waren. „Du hast unsere Stadt gerettet. Wie können wir Dir nur jemals für diese Heldentat danken?“

„Darf ich irgendwann einmal wiederkommen?“

fragte Kamina.

„Du bist bei uns jederzeit genauso willkommen, wie meine eigenen Kinder“,

antwortete die Königin mit ihrem wallenden, weißen Haar.

Kamina blickte zu Neria und sie blinzelten einander zu. Als sie nach einem überschwänglichen Abschied im Königshaus gemeinsam mit Flox langsam zurück zum Strand schlenderte, schreckte sie noch einmal auf. Sie sah in der Ferne ihren Bruder im Wasser planschen. Als sie genauer hinsah, merkte sie, dass er gar nicht planschte.

Er steckte mit dem Fuß in etwas fest. Er musste sich in einem Fischernetz verfangen haben. Ob die Greifer es vergessen hatten? Kamina konnte seine Angst spüren. Sie rief schnell einige der Wassergeister herbei. Sie waren schon damit beschäftigt gewesen, das Seegras, auf dem der Müllberg gestanden hatte, wieder ordentlich zu glätten.

Im Vergleich zu ihrem Bruder waren Kamina und die Wassergeister winzig klein. Der Junge strampelte verzweifelt. Doch statt sich zu lösen, zogen sich seine Fesseln nur immer fester. Die Wassergeister machten sich ans Werk, das Fischernetz mit ein paar scharfen Muschelscherben zu lösen. Dabei mussten sie vorsichtig sein, um die Haut von Kaminas Bruder Yoko nicht zu verletzen.

Schließlich schafften sie es, ihn zu befreien und er konnte endlich wieder wie gewohnt weiter schwimmen. Als er sich umblickte und in die Augen seiner Schwester sah, schüttelte er ungläubig den Kopf.

Für ihn war es nur, wie ein flüchtiger Augenblick, in dem etwas an seinem Fuß kitzelte. Doch etwas hatte er gesehen. War das wirklich Kamina? Warum war sie so klein? Und waren da bunte Gestalten neben ihr im Wasser? Er musste sich geirrt haben. Das konnte auf keinen Fall sein.

Er hatte sich beim Toben im Wasser in etwas verfangen und einen Schrecken bekommen. Er schob es auf seine kurze Verwirrung, drehte seinen Kopf weg und schwamm weiter.

„Der Aufstieg zum Campingplatz ist anstrengend“,

sagte Flox, der nun am Strand wieder neben ihr stand und seine Mähne ausschüttelte. „Allerdings nicht, wenn man so groß ist wie ein Mensch.“

„Ja, das stimmt“,

antwortete Kamina.

„Kannst Du mich denn wieder groß werden lassen?“

Es dauerte keine Minute und Kamina war wieder zu ihrer gewohnten Größe herangewachsen.

„Du hast sicher gedacht, dass du den ganzen Tag weg warst, oder?“

fragte das Einhorn.

„Doch Du musst eine Sache wissen: Wenn man klein ist, vergeht die Zeit langsamer. In Wirklichkeit ist erst eine halbe Stunde vergangen, seitdem ich Dich verkleinert habe.“

Vollkommen erledigt, aber überglücklich schlenderte Kamina den Weg zum Campingplatz zurück, der ihr jetzt gar nicht mehr so lang vorkam.

„Na, wo kommst Du denn her?“

begrüßte sie ihre Mutter.

„In ein paar Minuten gibt es Mittagessen, Du bist ja ganz nass und dreckig. Lass uns am besten erst noch kurz unter die Dusche springen, mein Schatz.“

Als Kamina und ihre Mutter vom Duschhaus zurückkamen, stand das Essen schon auf dem Tisch. Ihr Vater hatte einen leckeren Eintopf gekocht.

Inzwischen war auch Yoko vom Strand zurückgekehrt. Kamina blickte kurz hinüber zu ihrem Bruder und blinzelte ihm zu. Yoko war etwas verwirrt, aber er verstand, was sie sagen wollte und nickte ihr grinsend zurück.


4015 words released between October 2019 and November 2023
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